Ein komplementäres Konzept für die Dateninfrastruktur von Tourismusdestinationen im Deutschlandtourismus
Der Deutschlandtourismus braucht eine verlässliche und umfassende Datenbasis. Daran arbeiten Destinationsmanagementorganisationen (DMOs) seit Jahren. Bisher fehlt ein vollständiges touristisches Dateninventar als Basis für digitale Services allerdings immer noch. Obgleich die Data-Hubs der Bundesländer bereits sehr viel Energie in die Konsolidierung von regionalen Systemen in eine zentrale Landesdateninfrastruktur, oder den Aufbau zentraler Datenmanagement-Infrastrukturen gesteckt haben, können diese Datenbestände von national oder international agierenden digitalen Kommunikationskanälen nur mit Einschränkungen genutzt werden. Die skalierbare Bereitstellung scheitert oft noch an fehlenden offenen Lizenzierungen. Das betrifft ganz besonders den Bereich der Bildrechte. In der Konsequenz können über das einzige bundesweite Dateninventar (der Knowledge Graph für den Deutschlandtourismus) nicht alle Daten zur Verfügung gestellt werden. Versuchen national oder international agierende digitale Kommunikationskanäle alle Landesinventare einzeln abzurufen, führt dies zu einer Dublettenproblematik: Angaben sind teilweise widersprüchlich und können Gäste irritieren, wenn die Informationen aus unterschiedlichen Quellen abgerufen werden und dann unkonsolidiert nebeneinander stehen.
Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Projekt DIANA-T hat auf Basis dieser Problemstellung ein Konzept für eine zukunftsweisende Datenarchitektur entwickelt, das komplementär zum bisherigen Open Data Ansatz betrieben werden könnte. In diesem Beitrag soll das Konzept sowie die bisherige prototypische Entwicklung vorgestellt werden. Mit dem Ziel, dieses auf einer breiteren Basis zu diskutieren und so aus dem engen Projektkontext herauszulösen.
Zwei komplementäre Säulen
Der Lösungsansatz des Projekts DIANA-T verbindet zwei Ansätze, die sich gegenseitig ergänzen:
1. Open Data & Knowledge Graph
Öffentlich zugängliche und rechtlich freie Daten werden über bewährte Strukturen und Datenmodelle geteilt. Ein Beispiel hierfür ist der Knowledge Graph des Deutschland Tourismus. Den rechtlichen Rahmen für diese breite Nutzung bilden Creative Commons Lizenzen (CC).
2. Souveräne Datenräume
Als technologische Ergänzung kann ein touristischer Datenraum dienen. Dieser erlaubt den Austausch von lizenzrechtlich beschränkten Daten. Das Besondere: Die Datensouveränität bleibt für die bereitstellenden Destinationen vollständig erhalten. Ermöglicht wird dies dadurch, dass in einem Datenraum eine Inventarisierung erfolgt, nicht aber deren Speicherung. So sind die Daten zwar auffindbar, aber erst durch einen automatisierten Prozess der Gewährung wird die Nutzung möglich. Die Daten verbleiben also dezentral beim jeweiligen Eigentümer. Der Datenraum ermöglicht es, dass Daten über spezielle Konnektoren und nur unter klar definierten Nutzungsbedingungen geteilt werden.

Vom Gedankenexperiment zur echten Anwendung
Der Prototyp (Arbeitstitel im Projekt DIANA-T: „Data Hub“) entstand in mehreren Iterationsschleifen. Am Anfang stand ein sogenannter „Pretotype“. Dieser diente in der ersten Projektphase dazu, grundlegende Fragen zu klären: Wie können Stammdaten gebietsübergreifend ohne Mehrfachpflege genutzt werden? Wie lassen sich identische Daten eindeutig zuordnen? Der Pretotype half dabei, die theoretischen Datenflüsse und Rollen zwischen DMOs, Hotels, Attraktionen und Gästen visuell zu klären.
In enger Zusammenarbeit der Projektpartner wurde aus dem reinen Konzept ein interaktiver Prototyp entwickelt. Dieser Prototyp macht den Nutzen des Datenraums durch eine echte Software-Anwendung praktisch erlebbar. Es ist nun real möglich, mehrere nicht-offene Datenquellen an einen Test-Datenraum anzubinden, sie dort strukturiert zusammenzuführen und digital zu verwalten.
Standardisierung auf Landesebene
Ein großer Vorteil des Ansatzes ist die Möglichkeit der Nutzung bereits existierender Strukturen. Viele touristische Landes-Data-Hubs nutzen bereits die Datenmodelle der Open Data Tourism Alliance (ODTA) und haben ihre Daten hinsichtlich der Creative Commons ausgezeichnet. Diese bestehende Basis bietet ein solides Fundament für:
- Die Bündelung strukturierter Datenbestände über den Datenraum.
- Die vereinfachte Integration dieser Datenbestände in einen touristischen Datenraum mithilfe von Konnektoren.
- Die Nutzung der Datenbestände innerhalb des Datenraums auf Basis klar definierter Lizenzrechte.
- Die Datenbestände können über ein URI-Konzept (Basis dessen ist Open Street Map (OSM)) eindeutig identifiziert werden, wodurch doppelte Datensätze erkannt werden. In einem weiteren Schritt könnten diese bereinigt werden, was jedoch bisher im Rahmen des Prototyps noch nicht umgesetzt werden konnte.

Das reale Testfeld: Der Grenzraum Niedersachsen-Brandenburg
Das theoretische Konzept wurde unter realen Bedingungen getestet. Das DIANA-T Konsortium hat dafür einen konkreten Use Case definiert, bei dem der Zugriff auf gebietsübergreifende POI-Daten erprobt werden sollte. Als ideales Praxis-Anwendungsszenario dient der Grenzraum zwischen Niedersachsen und Brandenburg. Warum gerade diese Region? Weil sich hier die typischen Probleme des touristischen DMO-Alltags wie unter einem Brennglas zeigen: Es kommt an den Landesgrenzen oft zu einer mühsamen, doppelten Pflege identischer Objekte in zwei verschiedenen Landessystemen.
Das Forschungsprojekt erprobt die grenzüberschreitende Identifikation ausgewählter Datensätze sowie deren Übertragung zwischen zwei Landesdatenbanken nun ganz konkret in der Region Lenzen (Elbe):
- Der Elberadweg
- Das Besucherzentrum Lenzen
- Der Grenzturm Lenzen
Diese echten Datenbestände aus Brandenburg und Niedersachsen werden im Prototyp zusammen mit den Daten von OpenStreetMap (OSM) in dem gemeinsamen Datenraum übersichtlich dargestellt, verbleiben jedoch an ihrer Ursprungsquelle.
„Der Prototyp des Data Hubs schafft ein Konzept für ein verlässliches Dateninventar, das unterschiedliche Datenbestände normalisiert und Rechte zur Weiternutzung transparent auflistet.“
Jan Hoffmann, TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH
Eindeutige Identifikation durch URIs
- Die Herausforderung: Daten müssen aus verschiedenen Landesdatenbanken und damit aus unterschiedlichen Systemen heraus eindeutig zugeordnet werden können.
- Die Umsetzung im Projekt: Die ODTA setzt hierfür auf sogenannte Uniform Resource Identifier (URI). Im Rahmen von DIANA-T wird dieses Konzept nun in der Praxis getestet.
- Die Datenquellen: Die Identifikatoren für die Datensätze stammen aus verlässlichen Quellen. OpenStreetMap (OSM) und Wikidata werden im Forschungsprojekt aktuell für die genannten Points of Interest (POIs) erprobt.

Blick in die Software: So funktioniert das Rechte-Management technisch
Wie genau sieht der Ablauf im Hintergrund des Prototyps aus? Die technische Umsetzung basiert auf den sogenannten Eclipse Dataspace Components (EDC) in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer FIT. Wenn eine Tourismusorganisation Daten im Datenraum bereitstellen möchte, pflegt sie diese über eine sichere Schnittstelle (Konnektor-Endpunkt) als ein eigenständiges „Asset“ ein.
Der entscheidende Vorteil für den Datenschutz und die Lizenzierung ist das exakte Festlegen digitaler Richtlinien (sogenannte „Policies“). Im User Interface des Prototyps können Datenanbieter Bedingungen flexibel festlegen und miteinander verknüpfen:
- Nutzungsbedingungen: Hier wird der genaue Text der Lizenz hinterlegt. Dabei ist es egal, ob dies eine der CC-Lizenzen ist, oder ein individueller Fotografenvertrag sowie andere Vertragsspezifika.
- Consumer’s Participant ID: Die Destination kann einschränken, welche spezifischen Partner im Datennetzwerk die Daten überhaupt sehen oder anfordern dürfen.
- Zeitbegrenzung: Der Zugriff kann mit einem Ablaufdatum versehen werden, nach dem der Konnektor den Datenfluss automatisch sperrt.

Damit Serviceanbieter oder andere DMOs diese geteilten Daten überhaupt finden können, nutzt der Data Hub standardisierte Metadaten. Jedes Datenpaket wird automatisch mit der eindeutigen Connector ID, dem Namen des Datenanbieters, den vertraglichen Nutzungsbedingungen (Contract) und dem exakten Datentyp (z. B. POI, Veranstaltung oder Tour) markiert. Der eigentliche Austausch der Daten erfolgt dann voll automatisiert und sicher in einem vierstufigen Prozess von der Asset-Auswahl bis zum finalen Vertragsschluss auf Protokollebene
Fazit: Eine skalierbare Infrastruktur für die Zukunft
Der konzeptionelle Prototyp „Data Hub“ normalisiert unterschiedliche Datenbestände. Er bildet alle Nutzungsbedingungen transparent ab. Dadurch entsteht eine skalierbare Infrastruktur. Neben der bestehenden Open Data Initiative könnten so in Zukunft auch weitere, bisher geschützte Datenbestände über einen touristischen Datenraum sicher verfügbar gemacht werden.
Eric Horster
Fachhochschule Westküste
Eric Horster ist Professor an der Fachhochschule Westküste im Bachelor- und Masterstudiengang International Tourism Management (ITM) mit den Schwerpunktfächern Digitalisierung im Tourismus und Hospitality Management. Er ist Mitglied des Deutschen Instituts für Tourismusforschung.
Mehr zur Person unter: www.eric-horster.de

