„Kannst du mir mal schnell eine Reise zusammenstellen?“ Schon jetzt ist dieser Satz oft keine Bitte an ein Reisebüro, sondern eine Anweisung an ein KI-System. Reisende nennen ihre Vorstellungen: Budget, Zeitraum, Mobilitätswünsche, vielleicht noch Hinweise zur Reisegruppe. Daraufhin schlägt die KI passende Optionen vor, bündelt Informationen aus vielen Quellen und reduziert die Komplexität auf das Wesentliche. Aus dem mühsamen Vergleich von Dutzenden Tabs wird eine kuratierte Auswahl, die sich mit wenigen Klicks anpassen lässt.

Für Standardreisen übernimmt die KI nicht nur die Inspiration, sondern organisiert zunehmend auch die Buchung selbst. Prof. Dr. Eric Horster beschreibt diese Entwicklung prägnant: Standardanfragen werden bis 2030 weitgehend an KI-Agenten delegiert, während persönliche Beratung dort bleibt, wo es komplex wird. Dann aber nicht als Ersatz zur KI, sondern als Verstärkung, weil Menschen mit KI-Unterstützung besser einordnen, abwägen und empathischer beraten können.

Heißt das, der Mensch wird 2030 vollständig „KI-nativ“ reisen? Eher nicht. Vieles spricht für hybride Muster. Reiseentscheidungen sind emotional, oft unsicher, manchmal riskant. Prof. Dr. Julian Reif weist darauf hin, dass klassische Quellen und vor allem das soziale Umfeld weiterhin eine wichtige Rolle spielen dürften. Und dann gibt es noch die Gegenbewegung: Wenn alles durchgeplant ist, geht das Unerwartete verloren. Horster erwartet, dass genau das zu einem Kipppunkt wird, an dem Abenteuer und Zufall wieder an Wert gewinnen.

„Die Reiseentscheidungen der Nachfragenden sind und werden weiterhin durch eine hohe Unsicherheit und Emotionalität geprägt, weshalb eine vollständige Delegation an die KI kurzfristig unwahrscheinlich erscheint. Wahrscheinlicher ist ein hybrides Informationsverhalten.“

Professor Dr. Julian Reif, Fachhochschule Westküste

Sichtbarkeit wird zur Datenfrage

Was sich bis 2030 am stärksten verschiebt, ist die Logik der Sichtbarkeit. Wenn Antworten direkt in konversationellen Interfaces, wie bei Perplexity oder dem KI-Modus von Google, entstehen, sinkt die Bedeutung des Klicks auf die Website. Dann zählt weniger, wer die schönste Seite hat, sondern wer in den Datenströmen verlässlich vorkommt. Prof. Dr. Tobias Blask bringt diese Konsequenz auf eine einfache Formel:

„Wer im Datenstrom von LLMs nicht vorkommt, existiert für den Gast nicht.“

Professor Dr. Tobias Blask, Hochschule Harz

Die Website verschwindet trotzdem nicht, nur ihr Job ändert sich. Sie wird eher zur Vertrauensbrücke im Hintergrund. Reif beschreibt sie als Referenz- und Prüfinstanz, nach dem Motto: Das checke ich lieber nochmal. Prof. Dr. Stephan Bingemer macht klar, dass die Dateninfrastrukturen hinter Websites weiterhin wertvoll bleiben können, während das klassische SEO- und SEA-Ökosystem an Relevanz verliert.

Vertrauen: Treffsicherheit und Transparenz

Mit der neuen Vermittlung steigt der Druck auf Glaubwürdigkeit. Bingemer bringt das pragmatisch auf den Punkt: Kuratierte Ergebnisse hoher Qualität und erfolgreich erlebte Buchungen stärken Vertrauen, misslungene Buchungen zerstören es. Nur wird das Funktionieren künftig nicht allein technisch bewertet. Sobald Werbung und kommerzielle Interessen stärker in KI-Antworten einfließen, wird es für Nutzende schwieriger zu erkennen, ob eine Empfehlung aus Präferenzpassung oder aus ökonomischem Anreiz entsteht. Reif hält Transparenz und Kennzeichnung deshalb für zentral.

„Die Plattformabhängigkeit nimmt nicht ab, sie verschärft sich. KI verstärkt bestehende Machtstrukturen.“

Professor Dr. Eric Horster, Fachhochschule Westküste

Und dann wird es ganz konkret: Wer sitzt zwischen Gast und Angebot und steuert, was empfohlen wird? Horster hält die Hoffnung, KI könne Dominanz der führenden Plattformen einfach aufbrechen, für naiv. Er erwartet eher eine Verschärfung, weil Datenmacht, Reichweite und Infrastruktur bei wenigen Akteuren gebündelt sind. Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack weist in die gleiche Richtung: KI-Systeme und Plattformen werden zu neuen Vermittlungsinstanzen, die mitentscheiden, welche Inhalte in Empfehlungen auftauchen.

Vor Ort: Leise Verdichtung statt Science-Fiction

Wie sieht das Reiseerlebnis vor Ort 2030 aus? Weniger Science-Fiction, mehr leise Verdichtung. Eine flächendeckende Nutzung von Brillen oder vergleichbaren Gadgets hält Reif für unwahrscheinlich. Stattdessen sei eine breite Nutzung von Low-Tech-Formaten wie Übersetzung, Audio-Guides und Routen, getragen durch die Marktdurchdringung des Smartphones, gleichzeitig wird Sprache zur entscheidenden Schnittstelle. Horster beschreibt eine Situation, in der der KI-Dialog über Kopfhörer permanent im Hintergrund läuft, während die Umgebung erlebt wird.

„Wenn LLM-Systeme immer gleiche Erfahrungen kuratieren, kann Authentizität verloren gehen und andere Distributionswege könnten wiedererstarken, wenn es sie dann noch gibt.“

Prof. Dr. Stephan Bingemer, Hochschule Heilbronn

Was bleibt vom Abenteuer?

Gerade weil KI das Reisen effizienter macht, rückt eine andere Frage nach vorn: Was bleibt vom Abenteuer? Bingemer sieht die Gefahr, dass technologische Unterstützung das Abenteuerliche am Reisen verringert. Vollständig durchoptimierte Reiseerlebnisketten erhöhen zwar die Effizienz, senken aber das Überraschungspotenzial. Blask warnt: Systeme verstärken Präferenzen, statt sie zu erweitern. Kulturelle Reibung, die er als Herzstück guter Reisen beschreibt, kann herausgefiltert werden. Daraus folgt eine konkrete Gestaltungsaufgabe: Empfehlungen sollten nicht nur auf Passung optimiert werden, sondern auch auf Vielfalt und echte Entdeckung.

Gesellschaftliche Fragen: Wer gewinnt, wer verliert?

Das Szenario 2030 ist zugleich eine gesellschaftliche Frage. Chancen sind klar erkennbar: KI kann Zugänge erleichtern, etwa über sprachliche Barrierefreiheit. Risiken sind ebenso greifbar, wenn Popularitätslogiken verstärkt werden und weniger digitalisierte Angebote aus dem Blick geraten. Quack sieht die Gefahr, dass algorithmische Empfehlungen Vielfalt unbeabsichtigt einschränken.

„DMOs sollten daher verstärkt in den Aufbau qualitativ hochwertiger Datenbestände investieren, diese standardisiert aufbereiten und möglichst interoperabel bereitstellen.“

Professor Dr. Heinz-Dieter Quack, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

Was heißt das für DMOs?

Für DMOs ergibt sich eine klare Konsequenz: Wer 2030 relevant sein will, braucht nicht unbedingt noch ein Tool, sondern eine Organisation, die lernfähig ist. Horster setzt den Schwerpunkt auf Organisationsfähigkeit, Agilität und Kompetenzaufbau. Quack betont, dass strukturierte, aktuelle und maschinenlesbare Daten zu zentralen Voraussetzungen digitaler Sichtbarkeit werden. Bingemer appelliert, Daten zu teilen: „Wer nichts teilt, wird nicht gefunden.“ Gleichzeitig bleibt das Versprechen des Tourismus zutiefst menschlich: Technik kann Orientierung geben und Barrieren abbauen. Den Unterschied machen jedoch weiterhin echte Orte, echte Begegnungen und Angebote, die es halten, was digitale Systeme versprechen.

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Matthias Burzinski

destinetCHANGE | destinet.de

Matthias Burzinski ist Gründer von destinet.de und destinetCHANGE sowie Initiator des KI-Club Tourismus. Er begleitet Destinationen, Unternehmen und Organisationen im Tourismus durch den digitalen Wandel. Dabei verbindet er Change-Management, Marktforschung, Organisationsentwicklung und Künstliche Intelligenz zu praxisnahen Lösungen. Er entwickelt KI-Architekturen, setzt Use Cases um und macht Teams mit Workshops, Akademie-Formaten und Lernplattformen handlungsfähig.

Mehr zur Person unter: www.destinetchange.de  und www.ki-clubs.de

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Timo Förster

destinetCHANGE | KI Consultant

Timo Förster begleitet Tourismusorganisationen dabei, Künstliche Intelligenz sinnvoll in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. In Workshops, Webinaren und bei der Entwicklung praxisnaher Lösungen verbindet er KI-Expertise mit einem menschenzentrierten Ansatz.

Bild: © Timo Förster

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