Siegen-Wittgenstein ist eine Region, die sich schon länger mit Open Data beschäftigt. Was dabei immer wieder deutlich wird: Es geht nicht nur um Technik, es geht ganz stark um die Menschen.

Offenheit, Vertrauen und Mut

Julia Hilpisch, verantwortlich für das Contentmanagement und die digitale Strategie beim Touristikverband Siegerland-Wittgenstein e.V., ist sich sicher: „In den seltensten Fällen sind Technik und Geld bei Open Data das Problem.“ Es gehe vielmehr um die Menschen, um Kommunikation und um Emotionen, denn Open Data ist aktuell stark mit Angst verbunden. Angst vor dem Verlust der eigenen Datenhoheit bzw. eigener Aufgabenfelder und der eigenen Stellung. Was dabei übersehen wird: Open Data schafft neue Möglichkeiten. Diese gilt es aufzuzeigen.

„Die Realität hat sich schon lange geändert. Die Strukturen passen sich jetzt erst ganz langsam an.“ meint Julia Hilpisch. Die erforderlichen Prozesse sind noch neu und müssen erst zur Routine werden. Dabei geht es sowohl um Schnittstellen auf der technischen Ebene, als auch zwischen einzelnen Personen und Organisationen. Die in Verbindung mit Open Data oft genannte Agilität ist dabei sowohl auf Landes-, Regional- als auch Ortsebene notwendig: Neue Formen der Zusammenarbeit in unterschiedlichen Konstellationen über die verschiedenen Ebenen sowie über bestehende Verwaltungsgrenzen hinweg. Wichtig ist dabei, dass die jeweiligen Aufgaben klar verteilt und definiert sind und jeder auch seiner Rolle tatsächlich gerecht wird. Dabei gilt es jedoch ebenso zu beachten und zu nutzen, dass teilweise Regionen beim Thema Open Data schon weiter sind als manche Bundeslandebene. Open Data benötigt also Offenheit nicht nur in Bezug auf Daten.

Julia Hilpisch ist sich in diesem Kontext sicher: „Per Verordnung von oben funktioniert gar nichts. Es ist ein Vertrauensthema.“ Dazu gehört Ehrlichkeit. Es kann noch gar nicht gesagt werden, wohin manche Entwicklung geht. Es sei deshalb wichtig, sagen zu können, „Das weiß ich jetzt auch noch nicht.“ Dazu gehört eine gewisse Portion Mut, ist dies doch ein völliges Umdenken zu Bisherigem. In der Region Siegen-Wittgenstein funktioniert dieser Weg: Die Orte schließen sich Stück für Stück den gemeinsamen Aktivitäten an.

Qualität und Lizenzen

Beim Thema Open Data in Destinationen kommt dem eigenen Bilderpool eine besondere Bedeutung zu. Welche Fotos verfügen überhaupt über eine Lizenz, diese als Open Data nutzen zu dürfen? Im Rahmen einer Dateninventur wurden alle Fotos von Siegen-Wittgenstein unter die Lupe genommen:

  • Bereits der Qualitätscheck sorgte dafür, dass ein Großteil der Fotos entsorgt wurde. Fotos beinhalten immer ein Versprechen, diesen Ort so in der Region erleben bzw. sehen zu können. Bilder von tollen Blumenwiesen, die „irgendwo“ sein könnten, haben in diesem Rahmen keine Relevanz.

  • Gleichzeitig wurden die vorliegenden Lizenzen geklärt. Gerade bei älteren Fotos waren diese oft gar nicht bekannt; bei anderen lag ein Vertrag vor, welcher eine Nutzung im Sinne von Open Data nicht ermöglicht hätte. Ist dieses Foto dennoch wichtig? Lohnt sich das Nachverhandeln?

Nach der Dateninventur blieben von den ursprünglich 15.000 Fotos gerade einmal 2.500 übrig. Für fehlendes Material werden Fotoshootings in Auftrag gegeben. Die Erfahrung in Siegen-Wittgenstein zeigt: Fotos mit einer offenen Lizenz sind zwar teilweise teurer als diejenigen ohne, allerdings nicht so viel mehr wie ursprünglich befürchtet. Was in den Gesprächen mit den Fotografen hilft: Das nebenan liegende Sauerland arbeitet mit den gleichen Verträgen wie Siegen-Wittgenstein. Kooperationen und Abstimmungen sind auch hier äußerst zielführend.

Die rechtliche Seite mit den Contentproduzenten ist geklärt. Jetzt gilt es, Verträge zwischen den Orten und der Region aufzusetzen, welche ein klares Bekenntnis zum Austausch von Daten untereinander beinhalten.

Gemeinsamkeit und Klarheit

Bei allen Daten, egal ob Fotos oder POI- und Routendaten, ist für Siegen-Wittgenstein deutlich: Wer die notwendige Qualität nicht liefert, wird auf der Regionalebene nicht mehr ausgespielt. Vergleichbarkeit hilft, dass die touristischen Akteure dies verstehen. Qualitätsrankings und öffentliche Reichweiten in der genutzten Datenbank von Outdooractive erzeugen zwar einen gewissen Leistungsdruck, werden allerdings nicht als negativ empfunden. Stattdessen helfen diese Informationen dabei, den eigenen Content zu optimieren. Herausforderung auf technischer Ebene: Orte oder Subregionen, welche über verschiedene Verwaltungsgrenzen oder gar Bundesländer gehen. Hierauf sind die verschiedenen Systeme und Anbieter noch nicht wirklich ausgerichtet, sodass der Datenaustausch noch nicht einwandfrei funktioniert.

Generell räumt Siegen-Wittgenstein dem Austausch miteinander eine große Bedeutung ein. „Wir reden mit den Orten und wir hören ihnen zu. Manchmal haben wir auch eine Vorstellung, die wir dann gegebenenfalls noch einmal anpassen müssen.“ Beim Austausch miteinander wurde unter anderem deutlich, dass die Orte ihre Hoheit gegenüber den Leistungsträgern vor Ort zurückhaben wollen. Als direkter Ansprechpartner fungiert hier somit zukünftig die Ortsebene. Siegen-Wittgenstein unternimmt keine Akquise mehr in Richtung der Gastgeber, unterstützt jedoch die Orte, indem beispielsweise rechtliche Rahmenbedingungen aufbereitet werden. Die Orte können dies nutzen, müssen jedoch nicht.

Um Verstehen und Vertrauen zu erzeugen, ist in allen Prozessen eine klare Kommunikation notwendig, welche auf die entsprechende Zielgruppe (Ort, Gastgeber) zugeschnitten ist. „Wenn du die wichtigsten Sachen nicht auf ein DIN-A4-Blatt zusammengefasst bekommst, musst du das hinterfragen.“ Der Faktor Mensch steht im Vordergrund – immer wieder.

Ansprechpartnerin beim Touristikverband Siegerland-Wittgenstein e.V.

Kristine Honig, Tourismuszukunft

Kristine Honig

Tourismuszukunft

Kristine Honig ist Beraterin und Netzwerkpartnerin bei Tourismuszukunft. Sie berät und unterstützt touristische Unternehmen bei ihrer Strategie, beim Thema Storytelling und bei der Organisation von Barcamps.

Mehr zur Person unter: https://tourismuszukunft.de/kristine-honig