2022 erreicht die digitale Transformation im Deutschlandtourismus eine neue Dimension. Mit der Öffnung des Knowledge Graphen für den freien Datenabruf wird das größte digitale Infrastrukturprojekt der deutschen Tourismuswirtschaft Realität. Der Fortschritt des Gesamtprojektes ist ein eindrucksvoller Beleg für den starken Schulterschluss der Tourismusbranche – gerade in den Corona-Krisenjahren 2020 und 2021. Zugleich gelten die unternehmens- und branchenübergreifende Erfassung und semantische Auszeichnung dezentraler Datenbestände in einem Knowledge Graphen als beispielhaftes flächendeckendes Dateninfrastrukturprojekt in der deutschen Volkswirtschaft.

Um die Bedeutung dieses Meilensteins einzuordnen und die künftigen Herausforderungen durch eine offene Datenstruktur verständlich zu machen, soll dieser Beitrag einen kompakten Überblick über Hintergründe, die Entstehung des Projektes, seine Treiber und die anstehenden nächsten Schritte geben.

Politische Rahmenbedingungen

Bereits im Koalitionsvertrag der Bundesregierung 2017 wurde die erweiterte Bereitstellung von mit öffentlichen Mitteln finanzierten Daten in einem 2. Open Data-Gesetz festgeschrieben, die in der Open Data-Strategie der Bundesregierung vom Januar 2021 zusammengefasst wurde. Der Koalitonsvertrag-2021-25 geht einen Schritt weiter und zielt auf einen Rechtsanspruch auf Open Data. Konkret heißt das: Gewonnene Informationen aus der Erfüllung von öffentlich-rechtlichen Aufgaben, beispielsweise von DMOs müssen kostenfrei und maschinenlesbar abrufbar werden.

Bereits 2018 hat die DZT in der DACH-KG, einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von touristischen Organisationen und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Österreich und Südtirol die konzeptionellen Ansätze für einen gemeinsamen Datenstandard diskutiert und die Grundlagen für einen gemeinsamen Knowledge Graph entwickelt.

Kunden fordern Service, Aktualität und umfassende Information

Drei Viertel aller Reisenden weltweit hielten 2021 laut Untersuchungen von IPK International im Auftrag der DZT digitale Angebote im Tourismus für wichtig. Top-Gründe sind für 56 Prozent die Möglichkeit von Online-Buchungen, wie das komfortable Kaufen von Tickets fürs Museum, Reservierungen im Restaurant oder Parkplätze über Apps via Smartphone. 44 Prozent wollen an der Kasse digital bezahlen, 40 Prozent kontaktarm einchecken und 36 Prozent würden zugunsten von e-Books oder Apps auf den gedruckten Reiseführer verzichten.

Schaubild Digitalisierung touristischer Angebote

All das funktioniert aber nur, wenn alle relevanten Informationen – sprich Daten – aktuell verfügbar sind und von den Dienstanbietern abgerufen und ausgelesen werden können.

Entsprechend stand 2019 als wichtiger Meilenstein im Open Data-Projekt zunächst ein zentrales Audit zum Ist-Stand von Datentypen, Content-Typen und verwendeten technischen Systemen auf der Tagesordnung. Die Analyse der Ergebnisse zeigte eine ausgesprochen heterogene Datenlandschaft bei den Akteuren. Sie verschaffte zugleich den eine sehr gute Übersicht, wo sie stehen, und wie sich weitere Partner reibungslos in den Prozess einklinken können.

Im November 2019 erhielt das Open Data-Projekt mit dem Launch der Wissensplattform www.open-data-germany.org einen weiteren Impuls. Sie steht seither allen potenziellen Partnern offen und bietet Unterstützung bei zahlreichen Fragen rund um das Thema Open Data.

Partner vernetzen

Damit ist auch das Gerüst für die Architektur des Knowledge Graphen skizziert: Möglichst viele Marktteilnehmer – von den bekannten touristischen Hotspots in den Metropolen bis zu den zahllosen Points of Interest in ländlichen Regionen – müssen gewonnen werden, um die Welt der offenen Daten mit zu gestalten.

Wie sich gerade die zahlreichen Unternehmen der überwiegend mittelständisch geprägten Tourismusindustrie zwischen dem digital vernetzten Gast und der digitalen Destination erfolgreich positionieren können, zeigte 2020 das kompakte Handbuch „Open Data im Deutschlandtourismus“, in dem Experten die theoretischen Zusammenhänge und praktische Anwendungsbeispiele einer vernetzten digitalen Struktur im Tourismus erläutern.

(Stand Februar 2022)

Neben der Bereitstellung von Informationen auf verschiedenen Kanälen suchte die DZT permanent den persönlichen Kontakt zu den Akteuren im Deutschlandtourismus, um Fragen zu beantworten und Vorbehalte abzubauen. Mehr als 100 Präsentationen und Veranstaltungen zu den Themen Digitalisierung und Open Data sowie Abstimmungen mit hunderten Stakeholdern im Deutschlandtourismus schufen die Basis für eine breite Akzeptanz des Projektes im ganzen Land.

2021 wurden durch den Import ausgewählter Datentypen von Content aus den Landesmarketingorganisationen und Magic Cities erste Use Cases verfügbar. In der Projektphase „Milestone 1“ wurden bis zum 2. Quartal 2021 die Domains POI, Touren & Events aufbereitet, erste Testdaten importiert und Demo-Abfragen durchgeführt. Der „Milestone 2“ im 4. Quartal 2021 ermöglichte die Aufbereitung weiterer fünf Domains, die Fertigstellung der Basisfunktionalitäten sowie die Implementierung erster Testanwendungen.

Der Wettbewerb auf europäischer Ebene gibt den Takt vor

Sowohl in der DACH-Region als auch im europäischen Wettbewerb, beispielsweise in Frankreich mit dem Projekt DATAtourisme wurde in den vergangenen Jahren bereits intensiv an der Entwicklung und Implementierung übergreifender Datenstandards gearbeitet.

Die Gründung der Open Data Tourism Alliance (ODTA) 2021 macht aus dem Open Data-Projekt der deutschen Tourismuswirtschaft ein echtes paneuropäisches Projekt. In der Nachfolgeorganisation der DACH-KG tauschen sich National Tourist Boards und regionale Tourismusorganisationen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Schweden aus, um länderübergreifend die Standardisierung semantischer Datenmodelle für touristische Informationen auf Basis des schema.org-Standards und damit die Digitalisierung im europäischen Tourismus voranzutreiben. Die ODTA ist so strukturiert, dass sich jederzeit weitere Marktteilnehmer beteiligen können.

Perspektiven

Bis zum Ende des 2. Quartals 2022 geht das Projekt mit „Milestone 3“ auf die Zielgerade. Durch die dann erfolgte Datenintegration werden alle LMO und Magic Cities an den Knowledge Graph angebunden. Im Einzelnen können zehn Domains importiert werden: POIs, Touren, Events, Accommodations, Stories, Gastronomy, Cities, Offers, Local Businesses, Persons. Mit der Produktivsetzung wird der freie Datenabruf der im Knowledge Graphen integrierten Open Data-Datensätze mit der Lizensierung CC0, CC BY und CC BY-SA möglich.

Mit dem „Going live“ im Sommer 2022 ist jedoch das Open Data-/Knowledge Graph-Projekt nicht abgeschlossen. Es bleibt eine dauerhafte Aufgabe im Tagesgeschäft für alle Beteiligten. So wird in den Prozessen der Partner die Pflege der Datenbestände eine immer wichtigere Rolle einnehmen, die nur durch finanzielle Unterstützung und Qualifikation der beteiligten Mitarbeiter über Schulungen und Trainings gesichert werden kann.

Nur so können wir gemeinsam die künftige Positionierung des Reiselandes Deutschland im Wettbewerb der Destinationen sichern.

Portrait Asger Schubert

Asger Schubert

madkomPR

Asger Schubert arbeitet seit mehr als 20 Jahren als PR-Berater und PR-Redakteur für Unternehmen und Organisationen in der Tourismusindustrie, im Luftverkehr, Standortmarketing sowie in der Technologie- und Dienstleistungsbranche. Nach Führungspositionen in mehreren großen Agenturen – unter anderem zehn Mal Touristik-PR-Agentur des Jahres – gründete er 2013 madkomPR.